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Der beeindruckendste Schuttberg des Orients

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Der beeindruckendste Schuttberg des Orients



Sumerern, Assyrer, Babyloniern - seit 7000 Jahren wird auf den Ruinen alter Dörfer gebaut Erbil - Als
tschechische Archäologen im vergangenen Jahr in der nordirakischen Stadt Erbil eine der ältesten durchgehend bewohnten Siedlungen der

Menschheitsgeschichte untersuchten, mussten sie nicht um ihre Sicherheit bangen. Denn Erbil gehört zu den drei von den Kurden verwalteten Nordprovinzen des Iraks, in denen es - anders als in den weiter südlich gelegenen Landesteilen - keine Entführungen und nur sehr selten Terroranschläge gibt.

Die Deutsche Susanne Osthoff, die ihre Begeisterung für den Irak und seine archäologischen Schätze vor zwei Jahren mit einer mehrwöchigen Geiselhaft bezahlte, war im November 2005 weiter südlich verschleppt worden, nicht in dem von den Kurden kontrollierten Gebiet. Der Besitzer des Erbil Tower Hotels erinnert sich noch gut an die deutsche Archäologin, die damals wenige Wochen nach ihrer Freilassung in seinem Hotel gewohnt hatte und die er "sehr speziell" fand.

Fachlich gesehen stehen die Forscher in Erbil vor einer Herausforderung: Denn außer der Kopie eines 80 Jahre alten Katasterauszuges besitzt die kurdische Verwaltung keinerlei Pläne oder historische Dokumente zu den Bauwerken, die hoch über der Stadt auf der mehr als zehn Hektar großen Zitadelle thronen. Dabei handelt es sich bei der Zitadelle von Erbil um einen der beeindruckendsten Schuttberge des Orients.

dpa
Wer die Stadt Erbil aus der Ferne betrachtet, glaubt, im Zentrum einen Berg vor sich zu sehen, den die Natur geschaffen hat und der möglichweise wegen seiner strategisch günstigen Lage besiedelt und mit einer Wehrmauer geschützt worden war. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Zitadellen-Hügel, der die kreisförmig um ihn herum angelegte moderne Stadt um etwa 30 Meter überragt, ist das Ergebnis einer etwa 7000 Jahre andauernden Bautätigkeit. Denn seit der Gründung des ersten Dorfes an dieser Stelle baute hier jede Gemeinschaft ihre Häuser auf den Ruinen und dem Schutt ihrer Vorgänger.

So entstand ein künstlicher Hügel (Tell), in dessen Inneren die Spuren verschiedener

Die Autonomieregierung der Kurden im Nordirak, deren Gebäude man von der Zitadelle aus sehen kann, hat mittlerweile mit ersten Planungen begonnen, um mit Unterstützung der UN-Kulturorganisation UNESCO einen Masterplan für die Restaurierung der aus islamischer Zeit stammenden Bauwerke zu erstellen. Irakische Experten, die an der Restaurierung auf der Zitadelle und an dem Wiederaufbau des von Terroristen beschädigten Askari-Schreins in Samarra mitwirken sollen, wurden im Oktober dieses Jahres von der UNESCO zu einer Fortbildungsveranstaltung in die Türkei eingeladen.

dpa

Auch archäologische Grabungen auf dem Zitadellen-Hügel sind geplant, wobei das Abwasser, das hier bis vor kurzem unkontrolliert einsickerte, einige der Schichten des antiken Schutthügels bereits zerstört haben dürfte. Der 2003 von den US-Truppen gestürzte irakische Ex-Präsident Saddam Hussein hatte in seinen Reden zwar immer gerne die historische Bedeutung der archäologischen Stätten Mesopotamiens betont. Wenn es um den Erhalt dieser Stätten ging, fehlte es aber leider oft am Sachverstand. Ähnlich wie in Babylon, so ließ Saddam auch auf der Zitadelle von Erbil in den 80er Jahren Fassaden im Retro-Stil errichten, anstatt Archäologen mit der fachgerechten Konservierung der noch vorhandenen Ruinen zu beauftragen.

Auch eines der vier Tore der Altstadt, das Bab al-Kebir, wurde auf diese Art und Weise nachgebaut. Steht man im Torbogen, blickt man auf einen 40 Meter hohen Fahnenmast, der mitten auf dem Hügel steht, und auf dem die Fahne der Kurden mit der gelben, gezackten Sonne hängt. Schaut man in die andere Richtung, den Hügel hinunter, sieht man unten in der Stadt ein neues, noch im Bau befindliches, riesiges Einkaufszentrum, das mit seiner halbrunden Form den Schwung der Zitadellen-Mauern architektonisch aufgreift.

Ibrahim Chalil, der das Büro der Altertümerverwaltung auf dem Zitadellen-Hügel hütet, fühlt sich ein wenig einsam, seitdem die Familien vor zehn Monaten die Häuser geräumt haben. Gerne zeigt er Besuchern die Mullah-Effendi-Moschee mit dem farbigen Minarett und das angrenzende öffentliche Bad. In diesem Hammam mit seinen Steinbänken, Tonkrügen und Wasserbecken haben viele der Politiker, die heute unten in der Neustadt ihre Büros haben, als Kinder gebadet.

dpa

In einem der größeren Wohnhäuser auf der Zitadelle hat ein geschichtsbewusster Kurde ein Textilmuseum eingerichtet. In einigen anderen Häusern warten Verkäufer von Kunsthandwerk und Antiquitäten auf die nicht eben zahlreiche Kundschaft. "Wenn die Häuser fertig restauriert sind, sollen einige Dutzend Familien, die hier Kulturzentren, Gastronomie und kleine Boutiquen betreiben werden, wieder auf der Zitadelle wohnen", erklärt Kanaan al-Mufti, der Vorsitzende der Antikenverwaltung.

Al-Mufti, dessen Bruder Präsident des kurdischen Autonomieparlaments ist, träumt von einem liebevoll restaurierten Zitadellen-Hügel, auf dem eines Tages Kulturtouristen spazieren gehen, die von Touristenführern begleitet werden. Doch momentan liegt noch dicker Staub auf dem Tisch des Konferenzraumes seiner Behörde, der in einem kleinen Gebäude direkt neben dem alten Badehaus liegt.

Die Schlagzeilen der kurdischen Lokalpresse beherrscht in diesen Tagen jedoch nicht die Restaurierung der Altstadt, sondern die Drohung der Türkei mit einer Offensive gegen die Kämpfer der kurdischen Arbeiterpartei PKK, die sich in den drei irakischen Nordprovinzen, fernab der Städte, in den Bergen verschanzt hat.

Quelle:http://www.stuttgarter-
nachrichten.de/stn/page/detail.php/1566130?_skip=1


 
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